Die große Dame des Folks und der Protestsongs kam und hat geliefert....ein wunderbares Abschiedskonzert vor 5 300 ergrauten Zuschauern in einer traumhaften Kulisse

 

Hier ein sehr guter Bericht, dem nichts hinzuzufügen ist:

 

„I’m the last Leaf on the Tree“ (Ich bin das letzte Blatt am Baum) singt Joan Baez. Tom Waits hatte den Song mit Keith Richards herzergreifend-komisch aufgenommen. Die „Königin des Folk“ hat ihn wie so viele andere fremde Songs zu einem der ihren gemacht. „There but for Fortune“ von Phil Ochs und „Farewell Angelina“ von Bob Dylan gehören ebenfalls dazu. Mit dem melancholischen Stücke-Trio eröffnet sie vor 5.300 Fans ihr Open-Air-Konzert am Füssener Festspielhaus. Das passt. Schließlich liegt Abschiedsstimmung in der Luft.

Die 78-Jährige hat genug vom Musikgeschäft. 60 Jahre lang stand sie auf der Bühne und wurde 2017 in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Nun will sie sich auf ihrem kalifornischen Anwesen ihren Hobbys widmen: malen und tanzen. Ihr Stern war 1959 beim Newport Folk Festival aufgegangen: Mit schlotternden Knien sang die damals 18-Jährige vor 13.000 Menschen und avancierte zur Folk-Queen – und mehr noch: Die Tochter eines Pazifisten und Physikers und einer Schottin wurde in den 60er Jahren zur ersten weiblichen Ikone der Protestkultur.

 

Sie sang gegen Ungerechtigkeiten, Rassismus und Kriegstreiberei und bot auf der Straße den Mächtigen furchtlos die Stirn. Ihr Name steht für die Friedensbewegung und für gewaltfreien Widerstand, für Menschen- und Bürgerrechte. Beim Marsch auf Washington 1963, bei dem Martin Luther King seine „I had a dream“ Rede hielt, war sie dabei. Ihre Version von „We shall overcome“ wurde zur Protest-Hymne.

 

Diesen Klassiker spielt sie in Füssen nicht, auch nicht „The Night they drove old Dixie down“, mit dem sie 1971 ihren einzigen US-Top-Ten-Hit landete. Dafür bringt sie andere Klassiker: „Catch the Wind“ (Donovan), „Suzanne“ (Leonard Cohen), zum lautstarken Mitsingen „The Boxer“ (Paul Simon) und „Imagine“ (John Lennon). Aber auch Unverwüstliches: Lagerfeuer-Kracher wie „House of the Rising Sun“, eine packende Fassung des Gewerkschaftssongs „Joe Hill“ und das schöne „Gracias a la vida“ von Violeta Parra. So ist das Konzert für die Sängerin wie für ihr sichtlich ebenso ergrautes Publikum eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit.

 

 

Brüchig geworden ist ihr einst so hell strahlender, kräftiger Sopran. In schwindelerregende Höhen steigt er nicht mehr. Oft bricht Joan Baez zuvor ab oder überlässt dann Background-Sängerin Grace Stumberg das Feld.

 

 

Souverän und lässig geht Baez also mit dieser Einschränkung um. In dem versierten Multi-Instrumentalisten Dirk Powell hat sie einen feinen Partner an der Seite, der ihr Fingerpicking-Gitarrenspiel mit Kontrabass, Geige, Gitarre, Piano oder Mandoline abrundet. Eine verlässliche Nummer ist auch ihr Sohn Gabriel Harris an Schlagzeug und Percussion.

 

 

Kein Joan-Baez-Konzert ohne Bob-Dylan-Songs. Und so ist es auch in Füssen. Baez hatte 1961 im New Yorker Greenwich Village den unbekannten Liedermacher entdeckt. Sie machte seine Songs bekannt. Bis 1965 waren die zwei auch privat ein Paar. Ein paar Dylan-Klassiker singt sie in Füssen, darunter „Don’t think twice“, „It ain’t me babe“ und „Forever Young“. Die Beziehung zu Dylan verarbeitete sie einst in ihrem besten eigenen Song: „Diamonds & Rust“ ist einer der Höhepunkte des Konzerts, auch wegen des eleganten und sicheren Gitarrenspiels der 78-Jährigen.

 

 

Es sei nicht die Zeit, um Mauern zu bauen, sondern den Menschen zu helfen, erklärt sie unter Applaus und trägt Woody Guthries Flüchtlings-Song „Deportee“ vor. Damit spielt auf Trump an. 2017 hatte sie ihm den Song „Nasty Man“ (Böser Mann) gewidmet, der zum Internet- Hit wurde. Die jüngsten rassistischen Äußerungen Trumps lässt sie unkommentiert. Stattdessen verbeugt sie sich vor ihrem deutschen Publikum. Sie singt „Der Mond ist aufgegangen“, „Sag mir, wo die Blumen sind“ sowie, vom Blatt ablesend, a cappella Bettina Wegners „Sind so kleine Hände“, das mit dem klugen Satz endet: „Leute ohne Rückgrat, haben wir schon zuviel“.

 

 

Applaus für eine große Sängerin und unbeugsame Kämpferin.